Weidenkinder | Fantastische Geschichten aus Utgard

Weidenkinder„Weidenkinder“ bewirbt sich um die Teilnahme an der Anthologie „Fantastische Geschichten aus Utgard“. Ein Beitrag von Nicole Kunkel.

SQUIRREL, das Nachrichten-Hörnchen hat den „Hot-Stoff“ Exklusiv für euch aus erster Kralle! Heiße News und Gerüchte aus dem Biophilia-Universum!

Psst! Hallo du! Ja, genau du. Brauchst du?
Dann hab‘ ich da was Gutes für dich. Ganz neuer und heißer Stoff, druckfrisch aus erster Quelle. Das, wonach alle Fantasy-Nerds ganz verrückt sind: Ein Gebräu aus den bekannten sowie den streng geheimen, zum Teil verloren gegangenen Sagen und Legenden der nordischen Mythologie, gemischt mit ganz viel Drama, Fantasy, nem Hauch Horror und einem Schuss Zaubertrank aus den alten Märchenwäldern.

Ich versorge dich mit News aus allen Welten. Brisantes aus dem Reich der Götter, von Odin, Freya, Loki und Co und wie sie sich nach der letzten Götterdämmerung so schlagen. Wer überhaupt noch da ist und sich nicht in Schall, Rauch und Nebel aufgelöst hat. Voll interessant ist auch, wer sich wie am Aufbau der neuen Welten beteiligt und mit welcher List es Loki geschafft hat, das alle denken, er wäre tot.

Der Knaller ist, wer er eigentlich ist und was er alles sein kann. Uiuiui… Aber schschsch! Das darf ich euch gar nicht verraten, sonst zieht mir Nicole mein rot-braunes Fell über die Ohren. Über den neuesten Klatsch und Tratsch der Alben und Gnome könnt ich euch was erzählen, huihuihui – da schlackern euch die langen Elfen-Öhrchen. Und erst das Gezwitscher und Gejaule der Tierwesen… Die haben immer viel zu erzählen, sag ich euch. Und, last but not least, hab‘ ich noch brandheißes Zeug aus Hels Totenreich dabei.

Und nun – nur für euch – habe ich hier ein paar streng geheime Schnipsel und Bilder aus dem brandaktuellen Skript „Weidenkinder“, die ganz gut in eure Anthologie passen – meiner bescheidenen Meinung nach, aber mich fragt ja mal wieder keiner… Nun gut. Hier habt ihr was, aber wehe ihr verpfeift mich! Und wenn ihr mehr von dem guten Stoff braucht, wisst ihr ja, wo ihr mich finden könnt. Ich bin dann mal wieder weg.
Schönen Tag, Abend, oder gute Nüsse, wie auch immer…,
Euer flinker Squirrel

Weidenkinder

Midgard – irgendwo im Westerwald – Sommer 2019 – Sara

Sie rennt in die Dunkelheit hinein. Atemlos. Sie will weg, nur weit weg von dem Ort, den sie einst zu Hause nannte. In jeder Faser ihres Körpers pocht ein Schmerz, den sie keine Sekunde länger ertragen kann. Schlimmer als das Reißen und Schneiden, das sie in ihrer Brust gefühlt hat, als ihre Mutter gestorben ist. Sie weiß, er wird sie in Stücke reißen, wenn er weiter in ihr wütet. Er. Ihr Vater und das andere, unsichtbare Ungeheuer aus Leiden und Qualen, das seitdem in ihr wohnt. Sie kann es schon spüren, wie ihr Körper und ihre Seele in tausend Scherben zerspringen. Die Kraft in ihr, die alles zusammenhält, schwindet und ist nur noch ein schwacher Hauch wie das letzte Seufzen eines Sterbenden. Sie muss hier weg. Aber wohin? Sie weiß es nicht.

Sara rennt mit Beinen und Füßen, die nicht mehr ihr gehören, in den Wald. Kalter Schweiß vermischt sich mit Tränen. Ihr Nachthemd, das auf einer Seite bis zu ihrer Hüfte hoch eingerissen ist, klebt an ihr wie eine zu eng gewordene zweite Haut. Die Welt verschwimmt zu schwarzen Schemen. Die Häuser, Laternen, Autos und Bäume, an denen sie vorbeihastet, sind unwirkliche Gestalten, die in der viel zu heißen Sommerluft wabern wie eine Fata Morgana. Verzweiflung schnürt ihre Kehle zu und die Stimme wird lauter. Zuerst ist es nur ein Flüstern wie Blätterrascheln. Dann werden die Rufe zu einem Sturm, der kreischt, je weiter sie in den Wald läuft. „Komm zu mir. Ich helfe dir. Bist du erst mal hier bei mir, der Schmerz hört auf, das glaube mir.“

Die Worte jagen ein Kribbeln durch ihren Bauch, als ob ein Schwarm Schmetterlinge wild darin herumflattert. „Mama? Mama! Wo bist du?“ Sara schreit, aber kein Ton kommt heraus, als ob ihre Stimme erstickt ist. Panik und eine tiefe Sehnsucht überrollen sie in Wellen. In ihren Ohren rauscht es. Sie hört ihr Herz darin pochen. Eisige Schauer fluten durch Saras Venen, während sich ihre Haut anfühlt, als würden Feuerzungen an ihr lecken. Angst greift nach ihrem Herz und befiehlt ihrem Körper keinen Schritt weiter zu gehen. Doch die Stimme im Wald ist Hoffnung und Sara folgt ihr.

Weidenkinder

Anderswelt – Stor Moram – jenseits der Zeit

Schatten huschen durch das dichte Geäst. Die Zweige der alten Weide rascheln kurz als hätten sie sich vor irgendetwas oder irgendjemandem erschreckt, dann senken sie sich bis auf den Boden und erstarren. Die Rufe der Nachtigall verschlucken das Flüstern der uralten Stimmen aus der Anderswelt und der gesamte Wald hält die Luft an als ein kalter Nebelschleier das letzte Licht des Tages verschlingt.

Seit Jahrtausenden hütet der Zweigenvorhang das Geheimnis der alten Weide Alica Pendula, der Ur-Weide im großen Sumpf. Nur wenige Auserwählte aus Midgard, der Welt der Menschen, kennen überhaupt den Namen dieses Ortes: Stor Moram. Er wird vom Sneenfoed, dem Schneegeborenen, umflossen und genährt. Stor Moram ist der Ursprung sowie das Ende aller Sümpfe. Das Moor der Moore, das alle Welten miteinander verbindet – die neuen wie auch die alten, oder was seit der letzten Götterdämmerung noch von ihnen übriggeblieben ist.

Selbst die Weisesten unter den Alten kennen nicht alle Welten. Sie können die Kraft dieser Orte zwar manchmal spüren, wissen aber nicht, wo genau die Tore zu diesen Welten liegen. Und auch, wenn sie die ein oder andere schon betreten haben, hat es noch niemand von ihnen nach Stor Moram geschafft. So taumeln die Suchenden weiter durch die Zwischenwelten, irgendwo zwischen Schein, Sein und Traum, jenseits von Zeit und Raum. Stor Moram ist nunmehr ein Mythos, dessen Wahrheit die uralten Mächte und kalten Nebel des Nordens verhüllen.

Der Übergang – Westerwald/Anderswald/Stor Moram – Sara – Sommer 2019

Sara rennt weiter auf ihr fremden Füßen durch das Unterholz in die Finsternis hinein. All ihre Sinne auf die Stimme gerichtet, die aus der Ferne nach ihr ruft. Scharfe, dünne Finger des Geästs greifen nach ihr. Bei jedem Schritt peitschen sie auf Saras Gesicht, Arme und Beine ein und hinterlassen dort blutige Striemen, reißen Fetzen aus ihrem Nachthemd und der Haut. Sara spürt es nicht. Sie merkt auch nicht, dass sie den Westerwald längst verlassen hat.

Torwaechter

Die Stimme der Mutter – Die Jagd beginnt

Sara kann die Krone der Weide, die bis weit in den Himmel reicht, nicht sehen. Sie verschwimmt mit den Wolken in einem merkwürdig goldenen Schimmer. Endlich hört Sara die Stimme, aber nicht mehr aus der Ferne, sondern in ihrem Kopf. Zuerst ist sie wieder nur ein Flüstern, wie das Echo des Windes, wenn er durch die Blätter raschelt, nur dass hier gar kein Wind bläst – nicht der kleinste Hauch.

Dann schwillt die Stimme in ihr zu einem spitzen Schrei an. Sara presst mit aller Kraft beide Hände gegen ihre Ohren, versucht irgendwie ihren Kopf davon abzuhalten, zu zerspringen. „Schnell, mein Kind, lauf. Sofort. Du musst hier weg. Er darf dich nicht kriegen! Lauf mein Kind. Lauf“, dröhnt das Echo weiter in Saras Kopf.

Auf einen Schlag ist es dunkel, als hätte jemand das Licht der Weide ausgeknipst. Das Kreischen in ihrem Kopf verstummt und hinter Sara ertönt ein gurgelndes Knurren.
 

Der Torwächter – Parlans Zauberschlaf – vernebelte Erinnerungen

Als Sara wieder zu sich kommt, lehnt sie mit dem Rücken am Baumstumpf einer verkrüppelten Weide, die mehr tot als lebendig ist. Graublaue Nebelschwaden dampfen noch aus ihrem verbrannten Stumpf. Sara erträgt den Anblick kaum, der einen Stich durch ihr Herz jagt als hätte man ihr dort etwas herausgerissen. Die Nacht ist vorüber, hat jedoch ihre Schatten über den neuen Tag gelegt, die den Sumpf noch düsterer erscheinen lassen. Ohnehin liegt dieser Ort seit jeher in einer Art Dämmerzustand, als ob er dem Licht den Zutritt verweigert.

Ein großes schwarzes Loch klafft dort, wo sonst die Erinnerungen an ihre Träume darauf warten, Sara auch noch den Tag zu verleiden. Jetzt ist da nichts außer einem scharfen Schmerz, der im Takt ihres Herzens pulsiert. Sie reibt sich die Schläfen. „Unangenehm, nicht wahr? Aber keine Sorge, mein Kind. Das hört gleich auf“, sagt das Schlangengesicht, das vor ihr sitzt. Die Augen schauen gar nicht mehr so falsch auf sie herab wie zuvor. Sara sieht nur kurz in die plötzlich so wundersame Tiefe dieses Blickes, weil ihr davon wieder schwindelig wird. Diese golden schimmernden Pupillen ziehen Sara in ihren Bann, aber sie spürt, ohne sich dieses Gefühl genau erklären zu können, dass dahinter ein Abgrund mit scharfen Zähnen auf sie lauert.

Weidenkinder

Flucht durch den schwarzen Wald – Morn Taswal

Der Boden unter ihren Füßen ist hart und trocken. Ein stickiger Geruch nach Schwefel, Fäulnis und Verderben liegt in der Luft, die wie in einem Vakuum zu stehen scheint. Selbst der Wind hat diesen Ort schon lange verlassen – eine Wüste aus Finsternis und totem Holz. Reihen von abgestorbenen Baumresten und Stümpfen ragen aus dem lebensfeindlichen Boden wie Grabsteine.
„Das ist kein Wald“, sagt Sara. Tränen laufen über ihre Wangen. „Das ist ein einziger, riesengroßer Friedhof.“

Dieses Bild zeigt Sara im Schwarzen Wald, als eine ihrer besonderen Gaben erblüht. Sie kann mit ihrer Kraft Leben erschaffen oder ganze Welten zerstören. Kein Wunder, dass sie sich jeder unter den Nagel reißen will. Das arme Mädchen, das ohne es zu wissen, einen so hohen Preis für ihre Magie gezahlt hat soll nun auch noch über das Schicksal ganzer Welten entscheiden.
 


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Bilder: © Nicole Kunkel

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