Die Stimmen der Raben | Fantastische Geschichten aus Utgard

Die Stimmen der Raben„Die Stimmen der Raben“ bewirbt sich um die Teilnahme an der Anthologie „Fantastische Geschichten aus Utgard“. Ein Beitrag von Gianna Bernstein.

Der dunkle Fremde

Menschen sind wahrlich sonderbare Wesen. Verglichen mit den unsterblichen Mächten des Universums sind sie kaum mehr als Kinder, bedeutungslos in ihrem jungen und vergänglichen Dasein. Und doch üben sie eine Faszination aus, der sich selbst die Götter nicht entziehen können. Gerade die Endlichkeit ihrer Existenz lässt sie ihre kurze Lebenszeit umso intensiver fühlen, ein Leuchtfeuer an Emotionen, das selbst die Unsterblichen mit Neid erfüllt.

Zumindest einige von uns. Ich hingegen schenkte den Menschen lange Zeit nur selten Beachtung. Meine Sorge galt von jeher keiner bestimmten Rasse, sondern den zu Unrecht Verstoßenen und Geächteten, ganz gleich von welcher Art und welcher Welt. Auch ich bin ein Ausgestoßener, und ich kenne ihren Schmerz. Es könnte eine Heimat für sie geben, so viel Voraussicht ist mir vergönnt. Eine Zuflucht, einen Ort, wo jedes reine Herz willkommen ist, ganz gleich, in welcher Brust es schlägt. Doch es braucht besondere Gaben, um diesen Ort zu erschaffen. Gaben, die nicht einmal ich besitze.

Die Stimmen der RabenAlso wartete ich. Äonen vergingen, Welten wurden geboren und vergingen wieder, und doch wartete ich vergebens. Bis zu jenem Tag vor neunzehn Jahren, als mich der Klang eines neugeborenen Herzens erreichte, ein Lied der Hoffnung von einem gänzlich unerwarteten Ort. Niemals in meinem endlosen Dasein hätte ich mir erträumt, dass jenes machtvolle Herz, nach dem es mich so sehr verlangte, in einem menschlichen Kind schlagen sein würde. So zerbrechlich, so schwach. Und doch die einzige Hoffnung für zahllose Seelen. Von ihrem ersten Atemzug an wachte ich über sie, wohlwissend um ihre Bestimmung und ihre Bedeutung, nicht nur für Utgard, sondern auch für mich. Doch ich war niemals ein Mensch, und ich war niemals ein Kind, und alles an ihr war mir fremd.

In ihren Augen bin ich ein Gott, so wie in den Augen aller Menschen. Doch was nützt mir meine uralte Macht, wenn sie mir doch nur erlaubt, mich in ihre Träume zu schleichen, gehüllt in Nebel und eine trügerische Gestalt? Wie soll ich sie leiten und sie auf den Pfad ihrer Bestimmung führen, wenn sie meine Lehren mit derselben unerträglichen menschlichen Sturheit bekämpft wie ihr eigenes Schicksal?

Runa. Meine Schöpfung, meine Liebe, meine Heimsuchung. Ein Mensch, sterblich und vergänglich, und doch fähig, das Schicksal aller Welten zu verändern.

Also flieg, Myrkur, mein dunkler Bruder. Flieg, Vindur, mein schneller Bote, und auch du, Horfur, mein kluger Späher. Wacht über sie, steht ihr bei, seid meine Augen und meine Stimme in ihrer Welt. Beschützt sie und leitet sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – doch in den Nächten haltet euch fern. Denn in der Dunkelheit ist sie mein.

Leseprobe 1

Runa schreckte aus dem Schlaf. Über der schlichten Hütte ihrer Familie stand ein riesiger Vollmond am wolkenlosen Nachthimmel und tauchte ihr Zimmer in beinahe taghelles, silbernes Licht. Das Mädchen rieb sich die Augen und blinzelte. Im Glauben, die ungewohnte Helligkeit habe sie geweckt, tastete sie verschlafen nach dem dichtgewebten, dunklen Tuch, mit dem ihre Mutter in Vollmondnächten für gewöhnlich ihr Fenster verdunkelte. Er war dunkelblau wie ein Sommernachtshimmel und bestickt mit winzigen weißen Sternen.
Man konnte sogar einige Sternbilder darauf erkennen, wenn man es flach auf dem Boden ausbreitete. Es war ein kostbares Tuch, in dem viele Stunden harter Arbeit steckten, und es war ihr das liebste unter all ihren Geschenken. Doch als sie sich mit dem Tuch in der Hand zum Fenster beugte, streifte ihr Blick beiläufig eine dunkle Ecke ihres kleinen Zimmers – und sie schrie erschrocken auf. Irgendetwas glänzte und schimmerte dort in den Schatten, lebendig und dunkler noch als die schwärzeste Mitternacht…

Die Stimmen der Raben

Leseprobe 2

Das Mädchen kauerte zitternd unter einer abgestorbenen Eiche. Graue Flechten hingen wie Greisenhaar in dichten Bündeln von den morschen Zweigen, und weiße Pilze wuchsen auf dem borkigen Stamm, der von riesigen Geschwüren übersät war. Der Baum sah genauso abstoßend und leblos aus wie nahezu alles in diesem Wald, und er bot dem verstörten Kind weder Schutz noch Wärme. Blutend, zu Tode erschöpft und halb erfroren, dämmerte das Mädchen dahin, kaum noch bei Bewusstsein. Zu schwach, um aufzustehen und weiterzulaufen, ergab sie sich schließlich in ihr Schicksal.
Das erste, was sie spürte, als sie erwachte, war Wärme. Hitze. Blinzelnd öffnete sie die Augen. Warum war sie nicht tot? Erfroren, oder von wilden Kreaturen des Morn Taswal verschlungen, die ihr Blut angelockt hatte? Und wieso bewegte sich die Erde unter ihr? Ihre Sicht klärte sich, und Runa starrte in ein Gesicht, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Eine leise Stimme in ihrem Innern sagte ihr, dass sie eigentlich vor Entsetzen kreischen und fliehen müsste, so wie letzte Nacht vor den Raben. Doch das grobe, ungeschlachte Gesicht, das kaum menschliche Züge aufwies, strahlte nichts Gefährliches aus. Nur Ruhe und Freundlichkeit. Verwundert über sich selbst, da sie keinerlei Furcht empfand, strich das Mädchen nur fasziniert über die beinahe unangenehm heiße Haut, während die Kreatur sie sanft und sicher zugleich in den Armen hielt und sie zurück nach Hause trug.

Leseprobe 3

Im Traum wandelte sie durch dichten Nebel, so düster und schwer, dass sie blind und verloren durch all das Grau taumelte. Sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg, tastete hilflos durch die wabernden Schwaden, voller Angst – und voller Sehnsucht. Sie wusste, wer auf sie warten würde, wenn sie es nur schaffte, den Weg durch den Nebel zu finden. Von jäher Wut ergriffen, packte sie ihre scharfe Axt und hieb auf die Nebelschwaden ein, doch die Klinge fuhr nur pfeifend durch das erdrückende Nichts. Schluchzend sank Runa auf die Knie, doch dann erklang eine Stimme und teilte den Nebel wie ein magisches Schwert.
Sie lief der Stimme entgegen, jagte durch die letzten feinen Nebelschwaden, und da war er. Ein Mann mit einem Gesicht, so fremdartig und atemberaubend schön wie Eisblumen im Mondlicht. Mit seiner kraftvollen, einschüchternden Präsenz und der beinahe greifbaren Macht, die ihn umfloss wie lebendige Schatten, brachte er sie dazu, sich vor ihm auf die Knie werfen zu wollen. Die Enttäuschung auf seinem Gesicht, als er sie betrachtete, traf sie härter als jeder Schlag, jede Wunde, die sie in all ihren zahllosen Kämpfen erlitten hatte. „Was tust du, Runa?“ Seine Stimme umschmeichelte sie, quälte sie, bestrafte sie. „Ich reise“, gab sie gepresst zurück, unfähig, ihre Augen von ihm zu wenden. „Ich kämpfe. Ich lebe.“ Unwillen blitzte in seinen Augen auf und verdunkelte seine anmutigen Züge. „Du fliehst“, stellte er klar und schien noch größer zu werden, bis sie sich winzig und verloren fühlte in seinem Schatten. „Du wendest dich von deiner Bestimmung ab, und somit auch von mir.“


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Bilder: „Die Stimmen der Raben“ Pixabay

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