Die dunkle Pforte | Fantastische Geschichten aus Utgard

Die dunkle Pforte„Die dunkle Pforte“ bewirbt sich um die Teilnahme an der Anthologie „Fantastische Geschichten aus Utgard“. Ein Beitrag von Rhya Wulf.

Púca (in Gestalt eines Ponys) über „Die dunkle Pforte“

Moin ihr Lieben! Wer mich kennt weiß ja, dass es nicht meine Art ist, mich in den Vordergrund zu spielen. Ich leiste eher still meinen Beitrag und ziehe mich dann zurück. Im Rampenlicht zu stehen ist nicht so mein Ding. Aber wie Frau Wulf die Geschichte von der dunklen Pforte erzählt hat, das geht so mal gar nicht! Nur, weil sie in den Dicken verknallt ist, hat sie ihn mal wieder als den großen Helden hingestellt. Dabei war ich es, der die ganze Arbeit gemacht hat! Immerhin ging es darum, Niam zu retten.

Hach … Niam … wenn ich an die süße kleine Halbfee denke, bekomme ich ganz feuchte Augen. Gerade mal acht Sonnenwenden hat sie gesehen. Sie ist meine beste Freundin und ich würde wirklich alles für sie tun.

Natürlich sind der Dicke und sein Schüler losgezogen, als Niam verschwunden war. Aber ich doch auch! Ich bin sogar noch vor ihnen durch die dunkle Pforte hindurch und habe schon mal die Umgebung erkundet. Einer muss es ja tun. Hätte ich mich dann nicht in ein Pferd verwandeln lassen, wären die beiden lahmarschigen Kerle nie rechtzeitig bei Utgardloki aufgetaucht. Und glaubt nur nicht, dass es leicht ist, zwei so schwere Typen durch die Gegend zu schleppen. Aber habe ich gejammert? Nein. Mache ich nie!

Als die Draugar aufgetaucht sind, war wieder ich es, der den größten Anteil der Arbeit geleistet hat. Habt ihr eine Ahnung, wie verwestes Fleisch schmeckt? In einen Wolfshund verwandelt, habe ich einen der Untoten zerfetzt. Danach musste ich die ganze Nacht lang kotzen. Aber habe ich gejammert? Nein. Mache ich nie!

Um das mal ganz klar zu sagen: ICH habe Niam gerettet. Dabei habe ich weder einen Eisriesen verstümmelt (das war der Dicke), noch habe ich den Vulkanausbruch verschuldet (das war Thor). Aber wie gesagt, ich will mich hier nicht in den Vordergrund spielen, das ist nicht meine Art. Außerdem ist mir schon wieder kotzübel. Ich bin mal kurz wech …

Hintergrundinformationen zu „Die dunkle Pforte“

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Zum einen, die nicht näher definierte „vormenschliche Zeit“, hier dann in Utgard. Zum anderen ca. 300 v. Chr und in Irland. Die Kelten glaubten, dass Menschen nach dem Tod als Menschen, aber auch als Tiere und sogar als Götter zurückkommen konnten/mussten. Und umgekehrt war es möglich, dass Götter als Menschen wiedergeboren wurden. Die Götter nennen sich hier Tuatha Dé Danann („Völker Danas“). Thema Seelenwanderung/Wiedergeburt. Beispiele dafür findet man in den Sagen. Aber auch hier existiert der Mythos eines Paradieses, ähnlich z.B., zu den elysischen Feldern in der griechischen Mythologie. In der nordischen Götterwelt findet man diesbezüglich die Idee Walhalla. Das keltische Paradies hat je nach Überlieferung verschiedene Namen, ich persönlich bevorzuge „Moy Mell“. Wie verhält sich nun die irische Mythologie im Verhältnis zur Glaubenswelt der Wikinger?
Das soll euch jetzt mal Cathbad erklären, er kann das besser als ich:

Cathbad berichtet …

„…Du musst wissen, Junge, selbstverständlich leben die Wikinger und wir auf derselben sterblichen Welt, die sie Midgard nennen, der Name ist dabei erst mal ohne Belang. Sie meinen die Erde. Unser aller Erde. Ihre Götter aber, bis auf einige Ausnahmen, existieren nicht in unserem Teil der Anderswelt. Sie beherrschen ihren eigenen Teil davon […].

Die dunkle PforteNicht alle Tuatha Dé Danann sind damals aus ihren Welten zu uns gekommen. Tatsächlich handelt es sich nur um einige Wenige. Viele andere verblieben und warteten. Die Dé Dananns hatten die Erde in Besitz bis ein anderes Göttervolk, die Milesier, die Söhne des Mil, kamen. Danas Volk überließ die Erde den Neuankömmlingen und verließ das Land, allerdings nicht ganz. Es blieb ein Versprechen: Das Versprechen in der Natur selbst zu verbleiben. Die Söhne des Mil schufen den Menschen. Wie sie selbst allerdings: nämlich gänzlich unperfekt. Irgendwann gingen sie zurück zu ihrer Heimatwelt und ab dieser Zeit standen die hilflosen Menschen ohne göttlichen Schutz da.

Oh sicher, die Milesier überließen ihnen die geheimen Künste der Magie, um sich selbst zu helfen, aber auch dies war nicht zielführend. Die Tuatha Dé Danann beschlossen daraufhin einzugreifen. So kommt es, dass Lugh, unser Götterkönig, Aengus und manch anderer ab und wann die sterbliche Welt betritt und dort nach dem Rechten sieht […]. Die anderen aus Danas Volk sahen das alles und einige beschlossen nun, ihren Fuß auf die Erde zu setzen. Im Prinzip teilten sie die verschiedenen Völker der Menschen unter sich auf. Natürlich geschah das nicht immer friedlich und bis heute gibt es zur Genüge Reibereien, aber alles in allem konnte eine Lösung gefunden werden. Jeder suchte sich ein oder manchmal auch einige Völker aus, die ihm gut gefielen.

Thor zum Beispiel mochte das Volk der Wikinger. Er fühlte sich ihnen sehr nahe und sie sich ihm. Aber die Dé Dananns wussten, ganz so einfach würde es nicht werden: Also passten sie sich an die Gegebenheiten, die sie vorfanden an: Kultur, Tradition, Mystik, Kleidung, all das berücksichtigten sie. Und so kommt es, dass die Götter bei vielen Völkern sich gleichen, manchmal gänzlich anders sind, aber stets passen sie in den kulturellen menschlichen Kontext. Das alles aus einem sehr einfachen Grund: Die Menschen brauchen sie, ob sie es zugeben wollen oder nicht. Und die Götter? Tja, denen gefällt die Anbetung und Verehrung. Eitle Bande, alle miteinander […].

Weiter: Manchmal kommt es zu Überschneidungen. Hier zum Beispiel ist Odin der König der Götter, der Allvater. Bei uns wäre das Dagda Môr („der Gute Gott“), der Allmächtige. Allerdings ist die tatsächliche Identität eher Lugh. Unser Götterkönig. Du weißt, er erscheint als Mann mit bäuerlicher Kleidung und Schlapphut, welcher das linke Auge verdeckt. Seine Waffe ist der Speer des Sieges. Odin wird genauso beschrieben, sein Speer trägt allerdings den Namen Gungnir. Also: Lugh und Odin sind in der Tat ein- und dieselbe Person. Hier in dieser Welt nur in der, sagen wir, passenden Variante und im dazu passenden Pantheon […]. Am Ende ist alles eins […].“

Noch mehr Hintergrundinformationen zu „Die dunkle Pforte“

Ich darf noch hinzufügen, dass auch die Gottheit Balor, der letzte König der sog. Fomor als „Odin“ in Betracht kommen kann. Die Fomor gelten als Verkörperung des Chaos, des Bösen. Und Balor ist damit das Böse an sich. Nun ist Lugh sein Enkelsohn und Lugh ist es auch, der ihn in einer finalen Schlacht besiegt. Und zwar mit dem Speer des Sieges. Beide stellen sozusagen zwei Seiten derselben Medaille dar, einer steht für das Licht, der andere für die Dunkelheit. Beide verfügen über ähnliche Fähigkeiten: „Meister aller Künste“, oberster Magier und Krieger in Personalunion. Balor hat darüber hinaus nur ein Auge, das „Böse Auge“ (vgl. dazu das Prinzip „böser Blick“), was auf Odin hindeutet. Zumal Odin selbst auch über eindeutig düstere Züge verfügt. Ich schließe mich nichtsdestotrotz Cathbads Interpretation an, (mit dem zu diskutieren bringt eh nichts, zu stur).

Hier darf Aengus, Gott der Liebe und bester Freund des Zauberers zu Wort kommen. Er erklärt Niam in dieser Szene, was sie so von und mit ihm zu erwarten hat:

Aengus berichtet …

„Er ist kein ganz einfacher Mensch. Das weißt du […]. Er ist trunksüchtig, ja, arrogant, ja, überheblich, ja, stur wie ein alter Esel, ja, selbstherrlich, ja, ist in keiner Art und Weise kritikfähig, ja, ist vermutlich der klügste Mensch den ich kenne, ja und betreibt alles in allem Raubbau mit sich, ja. Das Gute und echt Überraschende aber ist: Er ist durchaus in der Lage, eigene Fehler einzusehen. Muss er allerdings selbst drauf kommen. Wer hätte das gedacht?

Allerdings darfst du nie eine Entschuldigung im herkömmlichen Sinne erwarten. Du erhältst aber trotzdem eine, das merkst du dann schon. Ist immer sehr erheiternd“, schloss er vergnügt. „Aber“, fuhr Aengus nach einer kurzen Pause ernster fort und sah Niam eindringlich an: „Er ist ein hervorragender Lehrer, das haben du und Laoghaire ja bereits festgestellt. Und er wird dich beschützen, koste es was es wolle. Er kann deine Sicherheit nicht vollkommen gewährleisten, aber er wird einfach alles in seiner Macht Stehende tun – und das ist nicht wenig – um für deine Sicherheit zu sorgen. Nur: Du musst auf ihn hören, tun was er sagt, wenn er es sagt. Verstanden?“

„Und zu guter Letzt: Er ist mein Freund. Vermutlich sogar mein bester, aber sag ihm auch das nicht, er ist eh schon unausstehlich genug.“

Laoghaire berichtet …

Er konnte gar nicht anders als freundlich und gütig sein, es lag einfach in seiner Natur. Aíne (Niams Mutter) hatte dazu einst angemerkt, dass sie in den siebenhundert Jahresläufen ihres Lebens noch nie so einen zutiefst freundlichen und sanftmütigen Menschen kennengelernt hatte. Laoghaire schienen negative Emotionen wie Wut, Neid und vor allem Hass völlig fremd zu sein. Er bestand aus reinstem Wohlwollen, so erschien es den Leuten jedenfalls.
Welch eine absurde Lebensform. Oder auch nicht, vielleicht sind einfach alle andern etwas merkwürdig. Man weiß es nicht.

Diese außergewöhnliche Art ließ sich jedenfalls teilweise mit der Tatsache erklären, dass er ein Filid, ein Priester, war und der Gott, dem er angehörte, war niemand Geringeres als Aengus Mac Ind Og, der Sohn des Dagda, der der Schöpfer aller Dinge war. Und dieser Aengus stand für die eine Macht, die alle anderen besiegt und übertrifft: Liebe.

Und Laoghaire verrichtete seine diesbezüglichen Aufgaben mit großer Ernsthaftigkeit […]

Was mir sonst noch dazu einfällt

Über Niam hat Púca in seinem Gejammer über „Die dunkle Pforte“ eigentlich alles gesagt. Hinzufügen kann ich noch: Gewitzt, mutig, klug, frech. Völlig vernarrt in den Zauberer. Was übrigens auch für Laoghaire gilt. Und mich selbst.


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Bild „Púca“ von Elsemargriet auf Pixabay

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