Vegtamskviða – Das Wegtamslied | Nordische Mythologie

VegtamskviðaVegtamskviða – Das Wegtamslied wird auch als „Balders Träume“ bezeichnet. Aufgrund der furchtbaren Alpträume Balders, in denen er von seinem eigenen Tod träumt, begibt sich Odin als Wegtam getarnt in die Niflhel, die unterste aller Welten, die hinter der Hel liegt und erweckt dort mithilfe seiner Zauberkräfte eine tote Seherin wieder zum Leben, um von ihr die Bedeutung der Träume Balders zu erfahren. Unter magischem Zwang erzählt die Seherin Odin vom Tode seines Sohnes Balder, nennt dessen Mörder Höd (nicht aber dessen Anstifter Loki), sowie Balders Rächer Wali, der ein weiterer Sohn Odins ist und erkennt am Ende des Liedes, wer Wegtam in Wahrheit ist.

Vegtamskviða könnte möglicherweise vom Autor der Völuspâ geschrieben worden sein. Zumindest scheint es, dass die Völuspâ als Grundlage verwendet wurde. Die Ähnlichkeiten in manchen Strophen deuten darauf hin.
 

Vegtamskviða – Das Wegtamslied in der Edda

1
Die Asen eilten all zur Versammlung
Und die Asinnen all zum Gespräch:
Darüber beriethen die himmlischen Richter,
Warum den Baldur böse Träume schreckten?

2
(Ihm schien der schwere Schlaf ein Kerker,
Verschwunden des süßen Schlummers Labe.
Da fragten die Fürsten vorschaunde Wesen,
Ob ihnen das wohl Unheil bedeute?

3
Die Gefragten sprachen: „Dem Tode verfallen ist
Ullers Freund, so einzig lieblich.“
Darob erschraken Swafnir und Frigg,
Und alle die Fürsten sie faßten den Schluß:

4
„Wir wollen besenden die Wesen alle,
Frieden erbitten, daß sie Baldurn nicht schaden.“
Alles schwur Eide, ihn zu verschonen;
Frigg nahm die festen Schwür in Empfang.

5
Allvater achtete das ungenügend,
Verschwunden schienen ihm die Schutzgeister all.
Die Asen berief er Rath zu heischen;
Am Mahlstein gesprochen ward mancherlei.)

6
Auf stand Odhin, der Allerschaffer,
Und schwang den Sattel auf Sleipnirs Rücken.
Nach Nifelheim hernieder ritt er;
Da kam aus Hels Haus ein Hund ihm entgegen,

7
Blutbefleckt vorn an der Brust,
Kiefer und Rachen klaffend zum Biß,
So ging er entgegen mit gähnendem Schlund
Dem Vater der Lieder und bellte laut.
Fort ritt Odhin, die Erde dröhnte,
Zu dem hohen Hause kam er der Hel.

8
Da ritt Odhin ans östliche Thor,
Wo er der Wala wuste den Hügel.
Das Wecklied begann er der Weisen zu singen,
(Nach Norden schauend schlug er mit dem Stabe
Sprach die Beschwörung Bescheid erheischend)
Bis gezwungen sie aufstand Unheil verkündend.

Wala.
9
Welcher der Männer, mir unbewuster,
Schafft die Beschwerde mir solchen Gangs?
Schnee beschneite mich, Regen beschlug mich,
Thau beträufte mich, todt war ich lange.

Odhin.
10
Ich heiße Wegtam, bin Waltams Sohn.
Wie ich von der Oberwelt sprich von der Unterwelt.
Wem sind die Bänke mit Baugen (Ringen) bestreut,
Die glänzenden Betten mit Gold bedeckt?

Wala.
11
Hier steht dem Baldur der Becher eingeschenkt,
Der schimmernde Trank, vom Schild bedeckt.
Die Asen alle sind ohne Hoffnung.
Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.

Wegtam.
12
Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
Welcher der Männer ermordet Baldurn,
Wird Odhins Erben das Ende fügen?

Wala.
13
Hieher bringt Hödr den hochberühmten,
Er wird der Mörder werden Baldurs,
Wird Odhins Erben das Ende fügen.
Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.

Wegtam.
14
Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
Wer wird uns Rache gewinnen an Hödur,
Und zum Bühle bringen Baldurs Mörder?

Wala.
15
Rindur im Westen gewinnt den Sohn,
Der einnächtig, Odhins Erbe, zum Kampf geht.
Er wäscht die Hand nicht, das Haar nicht kämmt er
Bis er zum Bühle brachte Baldurs Mörder.
Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.

Wegtam.
16
Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
Wie heißt das Weib, die nicht weinen will
Und himmelan werfen des Hauptes Schleier?
Sage das Eine noch, nicht eher schläfst du.

Wala.
17
Du bist nicht Wegtam wie erst ich wähnte,
Odhin bist du der Allerschaffer.

Odhin.
18
Du bist keine Wala, kein wißendes Weib,
Vielmehr bist du dreier Thursen Mutter.

Wala.
19
Heim reit nun, Odhin, und rühme dich:
Kein Mann kommt mehr mich zu besuchen
Bis los und ledig Loki der Bande wird
Und der Götter Dämmerung verderbend einbricht.


Zurück zum Glossar.
Bild: Vegtamskviða – Odins Ritt nach Hel von WG Collingwood (1908) | © PD

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.