Vafthrûdhnismâl – Das Lied von Wafthrudnir | Nordische Mythologie

VafthrûdhnismâlDie Vafthrûdhnismâl schildert den Wissensstreit zwischen Oðinn und dem Riesen Vafþrúðnir um Themen der Schöpfung, dem Werden der Welt und deren Untergang. Im Lied sind Vorstellungen des germanischen Weltbildes bewahrt worden, bevor das Christentum in den Norden expandierte.

Vafthrûdhnismâl in der Edda

Odhin.
1
Rath Du mir nun, Frigg, da mich zu fahren lüstet | Zu Wafthrudnirs Wohnungen;
Denn groß ist mein Vorwitz über der Vorwelt Lehren | Mit dem allwißenden Joten zu streiten.

Frigg.
2
Daheim zu bleiben, Heervater, mahn ich dich | In der Asen Gehegen,
Da vom Stamm der Joten ich stärker keinen | Als Wafthrudnirn weiß.

Odhin.
3
Viel erfuhr ich, viel versucht ich, | Befrug der Wesen viel;
Nun will ich wißen wie’s in Wafthrudnirs | Sälen beschaffen ist.

Frigg.
4
Heil denn fahre, heil denn kehre, | Heil dir auf deinen Wegen!
Dein Witz bewähre sich, da du, Weltenvater, | Mit Riesen Rede tauschest. –

5
Fuhr da Odhin zu erforschen die Weisheit | Des allklugen Joten.
Er kam zu der Halle, die Ims Vater hatte; | Eintrat Yggr alsbald.

Odhin.
6
Heil dir, Wafthrudnir! In die Halle kam ich | Dich selber zu sehen.
Zuerst will ich wißen ob du weise bist | Und ein allwißender Jote.

Wafthrudnir.
7
Wer ist der Mann, der in meinem Saal | Das Wort an mich wendet?
Aus kommst du nimmer aus unsern Hallen, | Wenn du nicht weiser bist.

Odhin.
8
Gangradr heiß ich, die Wege ging ich | Durstig zu deinem Saal.
Bin weit gewandert, des Wirths, o Riese, | Und deines Empfangs bedürftig.

Wafthrudnir.
9
Was hältst du und sprichst an der Hausflur, Gangradr? | Nimm dir Sitz im Saale:
So wird erkannt wer kundiger sei, | Der Gast oder der graue Redner.

Gangradr.
10
Kehrt Armut ein beim Überfluß, | Spreche sie gut oder schweige.
Übeln Ausgang nimmt Übergeschwätzigkeit | Bei mürrischem Manne.

Wafthrudnir.
11
Sage denn, so du von der Flur versuchen willst, | Gangradr, dein Glück,
Wie heißt der Hengst, der herzieht den Tag | Über der Menschen Menge?

Gangradr.
12
Skinfaxi heißt er, der den schimmernden Tag zieht | Über der Menschen Menge.
Für der Füllen bestes gilt es den Völkern, | Stäts glänzt die Mähne der Mähre.

Wafthrudnir.
13
Sage denn, so du von der Flur versuchen willst, | Gangradr, dein Glück,
Den Namen des Rosses, das die Nacht bringt von Osten | Den waltenden Wesen?

Gangradr.
14
Hrimfaxi heißt es, das die Nacht herzieht | Den waltenden Wesen.
Mehlthau fällt ihm am Morgen vom Gebiß | Und füllt mit Thau die Thäler.

Wafthrudnir.
15
Sage denn, so du von der Flur versuchen willst, | Gangradr, dein Glück,
Wie heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen | Den Grund theilt und den Göttern?

Gangradr.
16
Ifing heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen | Den Grund theilt und den Göttern.
Durch alle Zeiten zieht er offen, | Nie wird Eis ihn engen.

Wafthrudnir.
17
Sage denn, so du von der Flur versuchen willst, | Gangradr, dein Glück,
Wie heißt das Feld, wo zum Kampf sich finden | Surtur und die selgen Götter?

Gangradr.
18
Wigrid heißt das Feld, da zum Kampf sich finden | Surtur und die selgen Götter.
Hundert Rasten zählt es rechts und links: | Solcher Walplatz wartet ihrer.

Wafthrudnir.
19
Klug bist du, Gast: geh zu den Riesenbänken | Und laß uns sitzend sprechen.
Das Haupt stehe hier in der Halle zur Wette, | Wandrer, um weise Worte.

Gangradr.
20
Sage zum ersten, wenn Sinn dir ausreicht | Und du es weist, Wafthrudnir,
Erd und Überhimmel, von wannen zuerst sie | Kamen? kluger Jote!

Wafthrudnir.
21
Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, | Aus dem Gebein die Berge,
Der Himmel aus der Hirnschale des eiskalten Hünen, | Aus seinem Schweiße die See.

Gangradr.
22
Sag mir zum andern, wenn der Sinn dir ausreicht | Und du es weist, Wafthrudnir,
Von wannen der Mond kommt, der über die Menschen fährt, | Und so die Sonne?

Wafthrudnir.
23
Mundilföri heißt des Mondes Vater | Und so der Sonne.
Sie halten täglich am Himmel die Runde | Und bezeichnen die Zeiten des Jahrs.

Gangradr.
24
Sag mir zum dritten, so du weise dünkst | Und du es weist, Wafthrudnir,
Wer hat den Tag gezeugt, der über die Völker zieht, | Und die Nacht mit dem Neumond?

Wafthrudnir.
25
Dellingr heißt des Tages Vater, | Die Nacht ist von Nörwi gezeugt.
Des Mondes Mindern und Schwinden schufen milde Wesen | Die Zeiten des Jahrs zu bezeichnen.

Gangradr.
26
Sag mir zum vierten, wenn dus erforscht hast | Und du es weist, Wafthrudnir,
Wannen der Winter kam und der warme Sommer | Zuerst den gütgen Göttern?

Wafthrudnir.
27
Windswalir heißt des Winters Vater, | Und Swasudr des Sommers.
Durch alle Zeiten ziehn sie selbander | Bis die Götter vergehen.

Gangradr.
28
Sag mir zum fünften, wenn dus erforscht hast | Und du es weist, Wafthrudnir,
Wer von den Asen der erste, oder von Ymirs Geschlecht | Im Anfang aufwuchs?

Wafthrudnir.
29
Im Urbeginn der Zeiten vor der Erde Schöpfung | Ward Bergelmir geboren.
Drudgelmir war dessen Vater, | Örgelmir sein Ahn.

Gangradr.
30
Sag mir zum sechsten, wenn du sinnig dünkst | Und du es weist, Wafthrudnir,
Woher Örgelmir kam den Kindern der Riesen | Zuerst? allkluger Jote.

Wafthrudnir.
31
Aus den Eliwagar fuhren Eitertropfen | Und wuchsen bis ein Riese ward.
Dann stoben Funken aus der südlichen Welt | Und Lohe gab Leben dem Eis.

Gangradr.
32
Sag mir zum siebenten, wenn du sinnig dünkst | Und du es weist, Wafthrudnir,
Wie zeugte Kinder der kühne Jötun, | Da er der Gattin irre ging?

Wafthrudnir.
33
Unter des Reifriesen Arm wuchs, rühmt die Sage, | Dem Thursen Sohn und Tochter.
Fuß mit Fuß gewann dem furchtbaren Riesen | Sechsgehäupteten Sohn.

Gangradr.
34
Sag mir zum achten, wenn man dich weise achtet, | Daß du es weist, Wafthrudnir,
Wes gedenkt dir zuerst, was weist du das älteste? | Du bist ein allkluger Jötun.

Wafthrudnir.
35
Im Urbeginn der Zeiten, vor der Erde Schöpfung | Ward Bergelmir geboren.
Des gedenk ich zuerst, daß der allkluge Jötun | Im Boot geborgen ward.

Gangradr.
36
Sag mir zum neunten, wenn man dich weise nennt | Und du es weist, Wafthrudnir,
Woher der Wind kommt, der über die Waßer fährt | Unsichtbar den Erdgebornen.

Wafthrudnir.
37
Hräswelg heißt der an Himmels Ende sitzt | In Adlerskleid ein Jötun.
Mit seinen Fittichen facht er den Wind | Über alle Völker.

Gangradr.
38
Sag mir zum zehnten, wenn der Götter Zeugung | Du weist, Wafthrudnir,
Wie kam Neördr aus Noatun | Unter die Asensöhne?
Höfen und Heiligtümern hundert gebietet er | Und ist nicht asischen Ursprungs.

Wafthrudnir.
39
In Wanaheim schufen ihn weise Mächte | Und gaben ihn Göttern zum Geisel.
Am Ende der Zeiten soll er aber kehren | Zu den weisen Wanen.

Gangradr.
40
Sag mir zum eilften, wenn der Asen Geschicke | Du weist, Wafthrudnir,
In Heervaters Halle was die Helden schaffen | Bis die Götter vergehen?

Wafthrudnir.
41
Die Einherier alle in Odhins Saal | Streiten Tag für Tag;
Sie kiesen den Wal und reiten vom Kampf heim | Mit Asen Äl zu trinken,
Und Sährimnirs satt | Sitzen sie friedlich beisammen.

Gangradr.
42
Sag mir zum zwölften, wenn der Götter Zukunft | Du alle weist, Wafthrudnir,
Von der Joten und aller Asen Geheimnissen | Sag mir das Sicherste,
Allkluger Jötun.

Wafthrudnir.
43
Von der Joten und aller Asen Geheimnissen | Kann ich Sicheres sagen,
Denn alle durchwandert hab ich die Welten, | Neun Reiche bereist ich bis Nifelheim nieder;
Da fahren die Helden zu Hel.

Gangradr.
44
Viel erfuhr ich, viel versucht ich, | Befrug der Wesen viel.
Wer lebt und leibt noch, wenn der lang besungne | Schreckenswinter schwand?

Wafthrudnir.
45
Lif und Lifthrasir leben verborgen | In Hoddmimirs Holz.
Morgenthau ist all ihr Mal: | Von ihnen stammt ein neu Geschlecht.

Gangradr.
46
Viel erfuhr ich, viel versucht ich, | Befrug der Wesen viel.
Wie kommt eine Sonne an den klaren Himmel, | Wenn diese Fenrir fraß?

Wafthrudnir.
47
Eine Tochter entstammt der stralenden Göttin | Eh der Wolf sie würgt:
Glänzend fährt nach der Götter Fall | Die Maid auf den Wegen der Mutter.

Gangradr.
48
Viel erfuhr ich, viel versucht ich, | Befrug der Wesen viel.
Wie heißen die Mädchen, die das Meer der Zeit | Vorwißend überfahren?

Wafthrudnir.
49
Drei über der Völker Vesten schweben | Mögthrasirs Mädchen,
Die einzigen Huldinnen der Erdenkinder, | Wenn auch bei Riesen auferzogen.

Gangradr.
50
Viel erfuhr ich, viel versucht ich, | Befrug der Wesen viel.
Wer waltet der Asen des Erbes der Götter, | Wenn Surturs Lohe losch?

Wafthrudnir.
51
Widar und Wali walten des Heiligtums, | Wenn Surturs Lohe losch.
Modi und Magni sollen Miölnir schwingen | Und zu Ende kämpfen den Krieg.

Gangradr.
52
Viel erfuhr ich, viel versucht ich, | Befrug der Wesen viel.
Was wird Odhins Ende werden, | Wenn die Götter vergehen?

Wafthrudnir.
53
Der Wolf erwürgt den Vater der Welten: | Das wird Widar rächen.
Die kalten Kiefern wird er klüften | Im letzten Streit dem starken.

Gangradr.
54
Viel erfuhr ich, viel versucht ich, | Befrug der Wesen viel:
Was sagte Odhin ins Ohr dem Sohn | Eh er die Scheitern bestieg?

Wafthrudnir.
55
Nicht Einer weiß was in der Urzeit du | Sagtest dem Sohn ins Ohr.
Den Tod auf dem Munde meldet’ ich Schicksalsworte | Von der Asen Ausgang.
Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden: | Du wirst immer der Weiseste sein.

 

Vafthrûdhnismâl in den Büchern der Schattenelfen

Bisher keine Erwähnung.
 


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Bild: Vafthrûdhnismâl: Odin und Wafthrudnir im Wissenswettstreit. Zeichnung von Lorenz Frølich, 1895. | © PD

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